Die Geschichte des Indie

Philipp “Fips” Maxrath (DJ Fipster), von Hause aus Historiker und Schreiberling der Intro a.D. erzählt in Etappen und messerscharf die Geschichte des Indie.

Kapitel 1

Das Jahr “0″
Ich setzte das Jahr 1977 als Anfang des Indie. Punk war auf dem Vormarsch und erste New Wave Bands wurden nach diversen „Sex Pistols“ und „The Clash“ Gigs gegründet. Wie wichtig Punk für die Entwicklung des Indie war, zeigte sich an einem Abend in Manchester. Die Sex Pistols spielten am 04.06.1976 vor ca. 35-40 Gästen. Die Energie, das Rohe, die fast greifbare Aggressivität begeisterte und motivierte einige der Anwesenden, Bands zu gründen, um später selber zu Ikonen einer Generation zu werden: Joy Division, The Smiths, The Fall und Buzzcocks …

http://vimeo.com/8025003

Die Speerspitzen des englischen Indie/New Wave, vereint an einem Abend in der Lesser Free Trade Hall in Manchester. Musikjournalist David Nolan nennt diesen Gig im gleichen Atemzug wie Woodstock oder Live Aid. (http://www.bbc.co.uk/manchester/content/articles/2006/05/11/110506 _sex_pistols_gig_feature.shtml) Die ersten Independent Labels wurden gegründet, die ohne den kommerziellen Druck der Major Labels Musik produzierten und bei denen es vollkommen um die künstlerische Freiheit ging. Keinerlei Kostenpläne, kein Marketing, kein Zeitdruck. Wenn man sich das alles vor Augen hält, dann kann man sich vorstellen, dass der ein oder andere Nr.1 Hit darunter war, der jedoch nie die breite Masse erreichte! Denn ein wichtigen Merkmal, welches sich im Laufe der Jahre NIE verändert hat, ist: Indie will gefunden werden! Mainstream sieht man überall, es schreit einem förmlich zu: „KAUF MICH!!!!!“ Wer Indiemusik hören will, macht sich auf die Suche, welche ja auch wahrscheinlich der größte Spaßfaktor ist. Nichts ist doch schöner, als eine Band zu entdecken, anderen Leuten davon zu erzählen, zu den kleinen Gigs gehen, Gleichgesinnte treffen. Man ging zu diesen kleinen Konzerten, man traf Leute, die genauso fühlten, genauso angezogen waren, sich für die gleichen Künstler interessierten. Man tauschte sich aus.

Kapitel 2

Das perfekte “Popalbum”: The Jesus and Mary Chain
The Smiths stiegen schnell zu „der wichtigsten britischen Band nach den Beatles“ auf (NME ernannte sie 2004 sogar zum „Most Influential Artist Ever“!), was nicht zuletzt an der ausschweifenden Bühnenperformance von Frontmann Morrissey lag. Seine Verehrung für Oscar Wilde spiegelte sich in seinen Texten wieder und der exaltierte Tanzstil wurde oft mit wild schwenkenden Narzissen und Gladiolen untermalt. Der genaue Spagat zwischen Avantgarde und neuartiger Musik war gefunden. Den Höhepunkt ihres Schaffens erreichten sie mit „The Queen is dead“. Alain Delon auf Pflasterstein – gibt es ein schöneres Coverbild für brutale und verschwendete Jugend? Dazu Johnny Marrs wüstes Gitarrenspiel und Morrisseys Klage. Morrissey setzte fort, was die Sex Pistols so korrekt und unerbittlich begonnen hatten. Die Smiths gab es bald nicht mehr. Die Queen lebt. Während in Manchester die sich neu entwickelnde Indie-Szene aufmachte, den Rest des Landes zu erobern, saßen weiter nördlich – East Kilbride/ Schottland, um genau zu sein – zwei Brüder in ihrem gemeinsamen Zimmer und spielten wunderschöne Popsongs durch einen voll aufgedrehten Verstärker. Die Rede ist von Jim und William Reid, besser bekannt als The Jesus and Mary Chain. Sie verehrten Velvet Underground und The Stooges genauso wie The Beach Boys, The Ronettes oder deutsche Krautrock Bands wie Can und NEU!. Gerade Velvet Underground mit ihren avantgardistischen Einflüssen alá Andy Warhol (welcher auch ihr Protegé wurde und das erste Album „The Velvet Underground & Nico“ produzierte), ihren provokanten Texten und ihrer anti-kommerziellen Haltung gelten als die Paten des Indierock.

The Stooges waren musikalisch gesehen das Gegenteil der Velvets, eines verband sie jedoch: der Mut zum Extremen. Während die Velvets die Leute mit ihrem Minimalrock und fremdartigen Dröhngeräuschen, die ihre Songs untermalten, auf eine harte Probe stellen, waren die Stooges in erster Linie nur eins: brachial laut. Produzent John Cale (einer der Gründungsmitglieder von Velvet Underground) musste die Marshall-Verstärker im Studio regelmäßig von 9 runterdrehen. Die Mary Chains sogen all dies wie ein Schwamm auf. Durch ihren Drummer Bobby Gillespie (späterer Kopf von Primal Scream) kam der Kontakt zu dessen Freund Alan McGee (Gründer DES britischen Indie-Labels überhaupt: Creation Records) zu stande, worauf dieser ihnen einen Plattenvertrag anbot. Die erste Single „Upside Down“ wurde veröffentlicht und verkaufte beachtliche 10.000 Exemplare. Ihre Gigs dauerten in der Regel 15min und endeten gewöhnlich im Chaos, da die Band meistens hemmunglos betrunken war. Bald sprach sich rum, dass dies ein Pflichttermin für alle war, die Wert auf ordentliche Randale legten. Die von Natur aus eher scheuen Reid-Brüder (außer wenn Alkohol im Spiel war, also eigentlich immer) heuerten zwei ehemalige Elitesoldaten als Schutz an, welche jedoch nach einem Gig kündigten, da sie von der tobenden Menge mit Brettern Krankenhausreif geprügelt wurden. Ihr Debütalbum „Psychocandy“ erschien 1985. Rebellion und Affirmation. Free-Jazz und Teen-Pop zeugen im Rausch ein besoffenes Jesuskind. Höllengitarren. Quieken. Grundrauschen. Drums, als seien sie im Keller des Petersdoms aufgenommen. Gesang wie ein gefallener Engel – die Geburtststunde des Noise-Pop.

Kapitel 3

Die Ziehväter: Sonic Youth
Ca. 5567,11km entfernt von London entstand in New York aus ehemaligen Mitgliedern des Glenn Branca-Ensembles und dem Ehepaar Thurston Moore & Kim Gordon eine avantgardistische Noise-Pop Band, die zu DER bestimmenden Indie-Band der 80er in Amerika aufsteigen sollte: Sonic Youth. Wieder standen Velvet Underground und The Stooges als Vorbilder Pate, jedoch kann in der Frühphase der Band von Songs nicht wirklich die Rede sein, eher von Klangteppichen, die mit schräg gestimmten Gitarren und Einflüssen der Lärmsymphonien von Branca untermalt wurden. Einen ersten Indie-Hit hatten sie mit „Death Valley ´69“ von ihrem 3. Album „Bad Moon Rising“ ( 1985)

Sie versuchten, den Untergrund der Indieszene zu sanieren, Künstler zu fordern, Bands wie Dinosaur Jr. und den Pixies zu etablieren. Als sie 1987 begannen, an einem neuen Album zu arbeiten, ahnten sie noch nicht, dass sie damit der Indiemusik ein neues Gesicht geben sollten: Daydream Nation war geboren. Es war nicht so, dass es keine Indiemusik in den USA gab – Hardcore-Punk, DIY, College Rock, Avantgarde-Rock – jedoch verband dieses Album all dies und schuf etwas neuartiges. Diese Einflüsse und die Wut über die Regierung von Präsident Reagan prägten die Stimmung des Albums. Die Band sog alle großen Strömungen des Untergrundes auf, sammelten jede Facette, wie die „neue Jugendbewegung“ aussehen könnte: Avantgarde Downtown NYC Musik, kombiniert mit kranken Harmonien und Schraubenziehern verkeilt in Gitarren Hardcore Punk Gute alte College-Pop Musik „Head-in-the-clouds outer limits“ Gitarren, die 1988 zusammen mit den Veröffentlichungen von My Bloody Valentine, Dinosaur Jr. und den Pixies Indie neu definieren sollten, genau wie Joy Division&The Smiths es zu den Anfängen getan haben. Künstlerische und literarische Referenzen, angefangen bei dem Album Cover – Gerhard Richter´s „Die Kerze“ – bis hin zu entnommenen Lyrics aus einem Andy Warhol Film und Büchern von Harry Crews und Denis Johnson ( BEVOR der Veröffentlichung von „Jesus´ Son“!) „J Mascis for president“!

Heutzutage ist es ziemlich langweilig zu sagen, dass Daydream Nation ein großartiges Album ist. Natürlich ist es das. Doch was macht es so außergewöhnlich? Es ist fast eine Tautologie: Indie-Fans liebten dieses Album, weil dieses Album zu lieben genau das ausmachte, womit Außenstehende Indie-Fans damals definierten! Es ist sogar so einflussreich für die amerikanische Musikkultur gewesen, dass es 2005 von der „Library of Congress“ in der „National Recording Registry“ aufgenommen wurde. (http://www.loc.gov/rr/record/nrpb/registry/nrpb-2005reg.html) Moore&Gordon wurden bald so etwas wie die Zieheltern der Indieszene. Sie waren verantwortlich für die Entdeckung und Erfolge von Spike Jonze, Sofia Coppola, Beck, Nirvana, u.v.m.. Ironischerweise wechselten sie – mittlerweile als Indieband Nr.1 etabliert – nach dem Erfolg von Daydream Nation zu dem Major-Label „Geffen“. Es heißt, die 3 wichtigsten Personen auf diesem Label waren John Lennon, Axl Rose und Thurston Moore.

Kapitel 4

Die Paten des Indie: The Pixies
The Pixies… wenn dieser Name fällt, fallen einem spontan zwei Sachen ein: die Aussage Kurt Cobains´ „he was basically trying to rip off the Pixies“ und natürlich „Fight Club“.

Die beiden College Studenten Charles Thompson (Künstlername: Black Francis) und Joey Santiago beschlossen 1985 – neben einer Menge Marihuana zu rauchen – eine Band zu gründen. Dazu stießen später Drummer Dave Lovering (dieser wurde später Zauberer und eröffnete die Shows als „Support-Act“) und die Bassistin Kim Deal. Ihre Zwillingsschwester Kelley und sie gründeten später „The Breeders“ und hatten mit „Cannonball“ einen Riesen-Hit in der Alternativen Szene.

Durch den neuartigen Laut/Leise-Wechsel zwischen den einzelnen Strophen, den eigenartigen Songtexten und den sonst nur bei Punksong üblichen 2 Minuten-Songs fielen die Pixies schnell in der Indie-Szene auf und machten sich einen Namen. Das erste Album setzte sich später aus den ersten beiden EP´s zusammen, „Surfer Rosa & Come on Pilgrim“,und wurde 1988 veröffentlicht. Die Zeiten waren spannend für einen Indie-Fan. Hüsker Dü, Dinosaur Jr., Sonic Youth, My Bloody Valentine…der Untergrund explodierte förmlich. Es war die Stunde „0“ vor „Nevermind“. Dann kam „Doolittle“. Surf-Gitarren treffen auf Zahnbohrer, „LaLaLa´s“ auf blutende Stimmbänder, mexikanische Folklore auf Punk, Dali wird mit der Bibel in einen Raum gesperrt und heraus kamen 15 wunderbar gestörte Kinder.

(Die Lyrics von Debaser basieren auf dem surrealistischen Film „Un chien andalou“)

Kapitel 5

Der Olymp des Postrock: Slint
Louisville, Kentucky, 1985.Brian McMahan, David Pajo und Britt Walford gründeten eine der einflussreichsten,fruchtbarsten und mysteriösesten Indie-Bands der letzten Dekade, SlintNachdem sie ihr Debut „Tweez“ 1987 auf dem innig geliebten Indie-Label Jennifer Hartman Records herausbrachten, verschwanden die Mitglieder erstmals in den Weiten des College-Cosmos. Zu dieser Zeit wurden die Skizzen kreiert, welche Slint in den Pantheon der Post-Rock/Math-Rock Bands katapultieren sollte. Die Schaumgeburt „Spiderland“ entstieg  1991 aus dem Nichts und veränderte das Hardcore/Indie/Punk Genre für immer. Dies war die Blaupause – und über Jahre hinweg das einzige Referenzwerk – für den Rock des denkenden Menschen. Das Album war gefüllt von kantigen, unheilvollen Rhythmen, dramatischen Änderungen von Dramatik, abwegigen Tempowechseln. Was „Spiderland“  von alles anderen Alben hervorhebt ist die Tatsache, das sich über die Entstehung fantastische, folkloristische Legenden bildeten. Angeblichen sollen die Aufnahmen so intensiv und traumatisch gewesen sein, dass sich verschiedene Bandmitglieder in psychiatrische Behandlung begaben. Es folgte die Auflösung der Band. Ihr Einfluss ist heute noch bei Bands wie Interpol, Mogwai oder God Speed! You Black Emperor zu hören.

Kapitel 6

Die Sixtinische Kapelle moderner Rockmusik: MBV
Eigentlich ist damit schon alles gesagt. Wenn man diese 3 Buchstaben liest, zaubert sich automatisch ein verträumtes Lächeln auf das Gesicht eines Indie-Fans. Oder blankes Entsetzen, Unverständnis, Ratlosigkeit. Selbstverständlich ist die Rede von My Bloody Valentine. Wie vielleicht nur noch bei Björk oder Sigur Rôs gibt es nur zwei Gefühle, die man für diese Band empfindet: Liebe oder Hass. Der Kopf der Band, Kevin Shields, versuchte, das brachiale Feedback-Chaos von The Jesus &Mary Chain mit dem leiernden Sound der Pixies zu vereinen. Der erste Versuch scheiterte kläglich. Dann kam ihm die Idee, 2 Saiten auf den gleichen Ton zu stimmen und beim spielen das Tremolo zu verwenden. Innerhalb einer Woche entstand der Sound, der die Valentines unsterblich machen sollte. Nachdem sie mit der Band des Creation-Records Gründers Alan McGee ein Konzert gaben, nahm dieser sie unter Vertrag. Schon mit ihrem Debütalbum „Isn´t Anything“ erregten sie die Aufmerksamkeit der britischen Presse, welche diese neue Musikrichtung „Shoegaze“ taufte ( in Anlehnung daran, dass die meisten Musiker bei Konzerten nur auf ihre riesige Palette von Effektgeräten schauten ). 1989 gingen die Valentines mit der Erwartung, ein neues Album in weniger als 10 Wochen einzuspielen, ins Studio. Nach 22 Monaten, 19 Studios, 16 Tontechnikern und einer Rechnung von ca. 500.000£ erschien das Meisterwerk „Loveless“. Creation Records war fast bankrott, aber das war es wert. Was genau ist „Loveless“? Kann man es in Worte fassen? Neil Hannon (The Divine Comedy) nannte es „ The Sistine Chapel of Modern Rock Music“. Robert Smith (The Cure) meinte nur: „ Als ich sie zum ersten Mal gehört habe, war mir klar: Das ist die eine Band, die pinkelt auf uns alle.“ Es ist, als ob sich Heavy Metal auf einmal in ein Pop-Album verwandelt hätte. Von seinen hypnotischen Drumbeats, dem wie ein weiteres Instrument benutztem Gesang, anschwellendem Krach und sexuellen Spannungen bis hin zu seinen abstrakten Loops und erstaunlicherweise tanzbaren Rhythmen vereint dieses Album Pop, Rock und Punk, wodurch eine kulturelle Rarität erreicht wird: Ein augenblicklich wiedererkennbares, beeindruckend einmaliges Album.

Die Liste ist lang von Bands, die sich von diesem Album beeinflusst haben: Radiohead, Nine Inch Nails, The Smashing Pumpkins, The Cure, Ride, The Horrors, M83, Mogwai, The Pains of Being Pure at Heart, Deerhunter…um nur einige wenige zu nennen. (http://www.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fwww.deathandtaxesmag.com%2F156147%2Fmixtape-madness-songs-to-celebrate-the-20th-anniversary-of-my-bloody-valenites-loveless%2F&h=eAQERl_Fi )

Kapitel 7

Disco trifft Indie: Primal Scream
1976 fragte der 14jährige Bobby Gillespie den wenig älteren Alan McGee, ob sie zusammen auf das im Glasgower Apollo stattfindende „Thin Lizzy“ Konzert gehen würden. Dies war der Beginn der vielleicht wichtigsten Freundschaft und Zusammenarbeit in der britischen Musikbranche. Gillespie hörte 1984 eine Kassette von einer Band namens „The Jesus and Mary Chain“. Er rief Douglas Hart, den Bassisten, an und traf sich mit den Reid-Brüdern Jim und William. Die Chemie stimmte auf Anhieb. „Sie hatten alles: Die Musik, das Auftreten, die Philosophie. Nur keinen Drummer. Ich war der Meinung, ich wäre der Richtige für sie.“ Gillespie war es, der seinem Freund McGee das Tape zusandte. Dieser vertraute dem Musikgeschmack seines Kumpels und nahm „The Jesus and Mary Chain“ bei seinem gerade gegründetem Label „Creation Records“ unter Vertrag. Der Rest ist Geschichte. Es gab nur ein Problem: „Primal Scream“. Seine eigentliche Band wollte Gillespie in den Fokus der Massen bringen, doch die Reid-Brüder verlangten, dass er sein Hauptaugenmerk auf „The Jesus and Mary Chain“ richtet. Schweren Herzens verließ Gillespie die Band, die er über alles liebte. Von nun an widmete er sich seiner Band, „Primal Scream“, welche natürlich von seinem Kumpel McGee auf Creation Records unter Vertrag genommen wurde. Zunächst war „Primal Scream“ eine Band unter vielen, ragte nie besonders heraus, brachte keine Chartplatzierungen. Kurz gesagt: Sie war erfolglos. Dies sollte sich ca. 1989 ändern, als sie dem Rat von McGee folgte und nach Manchester zogen. Die dort aufkommende Rave-Kultur  begann im Untergrund zu wachsen und bald wurde Manchester in Madchester umbenannt. Die Screams „studierten“ diese neue Musikrichtung (soll heißen: sie betranken sich, feierten die wildesten Parties und schmissen alle Pillen, die sie in die Hände bekamen). Dort lernten sie den DJ Andrew Weatherall kennen. Diese Begegnung sollte die komplette Musikszene auf den Kopf stellen, was zu diesem Zeitpunkt keinem bewusst war. Weatherall remixte die Single „I´m losing more than I´ll ever have“, eine in ihren Augen ziemlich langweilige Ballade.

Die Screams wussten, dass Weatherall noch nie in einem Studio gewesen war, vertrauten ihm jedoch, da sie der Meinung waren, wenn einer jedes Wochenende in Clubs auflegt, hätte er auch das Gespür dafür, wie ein Song funktionieren sollte. Auf einmal verwandelte sich dieses sanfte gospelartige Stück in einen funkigen Indiesong namens „Loaded“. Der Song schlug ein wie eine Bombe.

Jetzt sprach jeder auf einmal von ihnen. Nun war es an der Zeit, „Primal Scream“ dort zu präsentieren, wo sie hingehören und immer hinwollten: Top of the Pops. Sie hatten jedoch nur den einen Song vorzuweisen, ein Album war noch nicht in Sicht. Zunächst bauten sie sich ein eigenes Studio und begannen die Arbeiten an dem Album, welches die Indieszene für immer revolutionieren sollte: Screamadelica. Nach Monaten war immer noch kein hörbares Ergebnis zustande gekommen. Creation Records hatte die heißeste Band Englands unter Vertrag, welche einfach kein Album zusammenkriegen konnte. Sie machten einfach zu viel Party und schmissen Ecstacy. Just in dem Augenblick, wo es sogar McGee zuviel wurde, präsentierten sie ihm „Movin´ on up“ und „Higher than the Sun“. Danach kamen keine Zweifel mehr auf, dass das neue Album ein Meisterwerk werden würde.

Screamadelica vereint Disco – mit Indiemusik, der Name setzte sich aus George Clinton´s Band „Funkadelic“ zusammen, der Spirit von John Coltrane war spürbar auf diesem Album. 1991 wurden sie für den gerade gegründeten Mercury Prize (der renommierteste Musikpreis Englands) nominiert. Die Band war so pleite und verstrahlt, dass sie Jack Daniels Flaschen mit auf die Verleihung schmuggelten. Sie gewannen. Jedoch verloren sie im Suff den Scheck über 20.000 £. …

KAPITEL 8

Smashing Pumpkins – Gish
Manche werden sich jetzt wundern, warum ich das Debütalbum der Smashing Pumpkins unter „Indie“ einstufe, waren sie doch Mitte der 90er Jahre mit Meisterwerken wie „Siamese Dream“ und „Mellon Collie and the Infinite Sadness“ die Götter der Alternativeszene.Warum dann „Gish“ als Indiemusik bezeichnen?Nicht nur erschien „Gish“ auf dem Indielabel „Caroline Records“, es spiegelt auch den Umbruch jener Zeit wieder.Sonic Youth wechselten als DIE Indieband überhaupt auf ein Majorlabel, Jane´s Addiction gingen mit dem Lollapalooza-Tross auf Großtour, Nirvana kreierten im Studio „Nevermind“.Die Pumpkins wollten mehr als nur Teil einer kleinen Untergrundszene sein.Zudem unterschieden sie sich auch musikalisch von allen Bands.Auf einmal waren Streicher zu hören, Pop-Songs, Balladen, Hardrock.Sie wollten den Bombast der 70er wieder aufleben lassen, das geheimnisvolle des New-Wave der 80er in den Rock integrieren, die Harmonien der Beatles wieder in die Erinnerung der Leute bringen, den Hardrock der frühen Scorpions und die Wucht von Black Sabbath kombinieren, die Coolness von Cheap Trick, die Verspieltheit von Boston.Quasi verehrten sie zu der Zeit alle uncoolen Bands.Kurz gesagt: Sie wollten nicht nur anders sein als alle anderen Indiebands, sie waren es auch.„Gish“ erschien im Mai 1991, sogar noch vor „Nevermind“.Vom ersten Ton des mächtigen Drumintros von „I am One“ bis hin zur letzten Note der My Bloody Valentine Hommage „Daydream“ ist das Album ein perfekter Vorbote dessen, was noch an Großtaten folgen sollte.Songs wie „Siva“, „Tristessa“ oder „Bury Me“ traten dermaßen in den Arsch, dass man nicht mehr still sitzen konnte, während psychedelisch angehauchte Tracks wie „Rhinoceros“ oder „Window Paine“ einen träumen ließen.Bei den Pumpkins klingt selbst großer Lärm wie ein Kindergeburtstag, weil sie ihre Songs stets mit einem Liebreiz durchleuchten, der milde stimmt.Die Tatsache, dass Bandchef und Mastermind Billy Corgan alle Instrumente zusammen mit Drummer Jimmy Chamberlin einspielte, quasi die beiden anderen, technisch weniger begabten Bandmitglieder D´arcy Wretzky und James Iha außen vorließ, zeugt von enormen Ehrgeiz, den andere Bands nicht hatten.Die Pumpkins strebten vor allem eins an: Besser zu sein als alle anderen.Wenige Musiker zu dieser Zeit wollten ganz offensichtlich im Rampenlicht stehen, das beste Beispiel ist Kurt Cobain.Billy Corgan hingegen sollte mit den Pumpkins Konzerte wieder interessant machen, so wie es einst David Bowie mit „Ziggy Stardust“ gemacht hat. Das Konzert als Happening an sich.Er beabsichtigte ganz bewusst, in der Öffentlichkeit als Rockstar dazustehen.Natürlich stieß dies zum Teil auf große Ablehnung von anderen Bands, was die Pumpkins jedoch nur weiter anstachelte, noch mehr Arbeit in ihre Musik zu investieren.Auch wenn die Pumpkins in den darauf folgenden Jahren zu der wahrscheinlich besten Band der 90er Jahre aufsteigen sollten – zumindest zur vielseitigsten – „Gish“ ist der Beginn einer neuen Umstrukturierung der Indieszene.Hardrock fand seinen Weg in die sich neu gründende Alternativszene.

Kapitel 9

Sommer 1994…..Kurt Cobain sang jetzt auf einer Wolke seine Lieder weiter, Sonic Youth verweigerten sich der breiten Masse durch noch schrägere Musik, Primal Scream hatten Heroin für sich entdeckt und die Pixies waren Geschichte.Indie war praktisch tot.Doch auf einmal flammte ein Hoffnungsschimmer auf den Fernsehgeräten dieser Nation auf, zu einer Zeit, als man MTV noch anschalten konnte und einem nicht die zer-und gestörten Fressen von Jersey Shore entgegen strahlten.

Jeder der „Generation X“ erinnert sich noch an den Augenblick, als er das erste Mal das Video zu „Buddy Holly“ gesehen hat. Das von Spike Jonze gedrehte Video wurde zu DEM Hit des Sommer und einem der größten Klassiker von MTV überhaupt.

Die Band: Weezer. Das Album: Weezer (Blue).

College-Rock war geboren.

Die Band um Nerdkopf Rivers Cuomo schrieb plötzlich zuckersüße Pop-Melodien à la Beach Boys oder Everly Brothers, kreuzten diese jedoch mit weitaus von Heavy Metal inspirierten Gitarrenriffs.

Der Versuch Cuomos, seine Band wie Velvet Underground klingen zu lassen, schlug fehl, vielmehr setzten sich seine Metal-Wurzeln durch.

Das Album – aufgrund seines blauen Covers nur „The Blue Album“ genannt – schlug im College-Radio ein wie ein Meteoritenschauer.

Cuomo war der Inbegriff eines Nerds: Dicke Hornbrille ( zur Zeit von Steve Urkel und jenseits von cool ), schräges Verhalten, Harvard Absolvent.

Die Last, primär als Feel-Good Band zu gelten und der Erfolg der ersten Albums waren fürs erste zu viel für Ihn.

Das zweite Album „Pinkerton“ schlug wesentlich düstere Töne an und wurde von der breiten Masse weitgehend ignoriert. Nach einer längeren Auszeit fand Cuomo mit dem „Green Album“ sein unheimliches Talent, geniale Ohrwürmer zu schreiben, wieder.

 

Doch was in Erinnerung bleibt, ist das geniale erste Album. Jeden Song konnte man quasi nach zweimaligem hören mit summen.

Auch wenn Gitarrenmusik in den nächsten Jahren mehr in den Hintergrund gedrängt werden sollte, was blieb war der wunderbare Sommer von 1994 und sein dazugehöriger Soundtrack.

7 Jahre später… am frühen Abend… ca. 19:41.Uhr… Alkohol im Spiel…
Auf der Bonner Rheinkultur 2001 entlädt sich ein wunderschönes Sommergewitter. Die Menge tobt, Schlammschlachten entstehen, überall ekstatische Gesichter.
Ash, die legitimen Nachfolger von Weezer, spielen sich in einen Rausch, als sie Weezer´s „Only in Dreams“ covern. Plötzlich erinnerte man sich wieder an die schon fast vergessene Band, lief nach Hause, kramte die CD hervor und ließ sich ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

Danke dafür, Weezer.

Kapitel 10

Es gibt wohl kaum eine Band, die heutzutage noch den Nachmittagsslot auf einem Festival belegt, wo JEDER der Anwesenden die Songs auswendig kann: Sei es „Girl from Mars“, „ Oh Yeah“, „Goldfinger“ oder „Kung-Fu“ – man  muss einfach mit einem großen Grinsen auf dem Gesicht mitsingen!Wenn man auch schon das perfekte Album im Alter von 19 schreiben muss…die Rede ist natürlich von „1977“ der Band Ash.

1977 war nicht nur das Geburtsjahr der Bandmitglieder Tim Wheeler und Mark Hamilton, sondern auch die Veröffentlichung des ersten Star Wars-Films und die Hochzeit des Punks, dessen Einflüsse deutlich hörbar auf dem Album sind.

Als glühende Verehrer der Filme bauten Ash zudem gleich im ersten Song – Lose Control – Soundschnipsel aus dem Film ein. Dass auch das bandeigene Label „Deathstar“ heißt, ist hier nur eine nette Anekdote.

 

Die ersten Demos spielte Tim Wheeler im Hause von Therapy?- Sänger Andy Cairns im zarten Alter von 16 vor.

Das Album entpuppte sich als der perfekte Spagat zwischen Brit-Pop und Punk.

Blur und Oasis lieferten sich gerade die „Battle of Britain“ – die Zeit war reif für catchy Songs mit Glamfaktor!

Als vollkommen berechtigt gehandelte Nachfolger von Weezer verstanden sie es ebenso, perfekte Pop-Lieder mit Ohrwurmcharakter zu schreiben. Nicht nur der Stil der beiden Bands zeigt Parallelen, sondern auch die Begeisterung für Hardrock und den Metal der frühen 80er Jahre.

Auch der kurze Karriereknick nach dem perfekten ersten Album ist fast schon ein unheimlicher Zufall, von welchem sich die Band aber schnell erholen sollte und wieder an alte Erfolge anknüpfen konnte.

Wie oft Ash ein Lächeln auf die Lippen des Autors gezaubert haben, wenn dieser vollkommen berauscht von der Musik und zu 99,99% auch von alkoholischen Substanzen in der Menge stand, kann man fast nicht mehr zählen.

Das Konzert der Rheinkultur 2001 jedoch bleibt auf ewig in der Erinnerung – und nicht nur aufgrund des perfekten Weezer-Covers „Only in Dreams“.

Kapitel 11

Battle of Britain

In der legendären Royal Albert Hall/London stehen Damon Albarn und Noel Gallagher zusammen auf der Bühne und schmettern den Blur-Klassiker „Tender“ – zusammen! Hätte man früher auch nur den Wunsch danach geäußert, man hätte sich von seiner Kauleiste verabschieden können. So wünschte Jahre zuvor Noel noch, dass „dieser schreckliche Sänger an Aids sterben solle“. Doch immer der Reihe nach.

1994 begann eigentlich ziemlich beschissen für England. Sie waren nicht bei der WM in den USA dabei, da konnte es dem Land ja nur scheiße gehen. Dann kam Blurs „Parklife“ und eine ganze Subkultur änderte das Land. Britpop war geboren. Deutete sich der Trend schon mit dem Vorgängeralbum „Modern Life is Rubbish“ an, so veredelten Blur mit diesem Album ihren Sound und wurden zu den unumstrittenen Königen von England.
„Girls&Boys“, „Parklife“, „This is a Low“…eigentlich war jeder Song ein Hit. Damon Albarn war frisch liiert mit Justine Frischmann von Elastica, deren ebenfalls großartiges Debütalbum noch in den Startlöchern stand. Zusammen bildeten sie das Königspaar des Britpop. Das alles konnte und sollte den „leicht“ narzisstisch angehauchten Gebrüdern Gallagher nicht schmecken. Mit „Definitely Maybe“ waren sie auf dem richtigen Weg, welchen sie mit „(What´s the Story) Morning Glory“ vergolden sollten.
1995 kam es dann zum spannendsten Chart-Showdown seit den Beatles vs. Rolling Stones: Beide Bands veröffentlichen am gleichen Tag ihre Singles, Blur „Country House“ und Oasis „Roll With It“. Diese Schlacht verlor Oasis, den Krieg aber gewannen sie. Zu dieser Zeit wurden sie zu einer der größten Bands der Welt. Gleichzeitig bedeutete es das Ende der Indie-Ära – Oasis waren immer noch auf dem größten Indie-Label seiner Zeit, Creation Records (My Bloody Valentine, The Jesus and Mary Chain, Primal Scream). Ihr Gig bei Knebworth ging in die Geschichte ein als der bis dahin größte Gig einer einzelnen Band in England. Danach war nichts mehr wie früher. Oasis wurden zu einem Klischee ihrer selbst, während Blur sich nach neuen Sounds umschauten. Sie entwickelten sich immer weiter und brachten noch weitere Meisterwerke heraus. Doch die großen Charterfolge blieben aus. In ihrem Fahrwasser sollten einige tolle Bands folgen – Elastica, Supergrass, Manic Street Preachers, Suede, Pulp.

Kapitel 12

Beck – Odelay

Ca. 1990

Ein junger „Slacker“ mit dem Namen  Bek David Campbell zieht nach L.A., um sich seiner Musikerkarriere zu widmen. So genau kann man seine leicht verstörende Musik nicht in ein Genre packen. Ist es Folk? Blues? Hip-Hop? Alternative? Country?

Seine Verehrung für Sonic Youth  führt dazu, das er beim gleichen Label wie seine Helden unterschreibt: Geffen Records. Die Heimat von Nirvana, Sonic Youth und John Lennon war dafür bekannt, Künstlern ihre kreative Freiheit zu lassen. So auch im Falle von Beck.

Schon zu Beginn seiner Karriere veröffentlichte er auf seinem ersten Album für Geffen, „Mellow Gold“, die Hymne, die eine ganze Generation von “Slackern” repräsentieren sollte (vielleicht sogar noch prägender als „Smells Like Teen Spirit“!):

Loser

Fortan war er unter dem Künstlernamen Beck (Hansen) bekannt. Zunächst bestand die Befürchtung, dass auch er als einer der zahlreichen One-Hit-Wonder enden würde. Nach seinem Auftritt beim Lollapalloza-Festival riet ihm der bekannte Produzenten-Guru Rick Rubin, die neu vorgestellten Songs „doch in die Mülltonne zu schmeißen“. Zum Glück zeigte Beck ihm den gepflegten Mittelfinger und veröffentlichte 1996 sein Meisterwerk: „Odelay“.

Funk, Hip-Hop, Rock, Elektro, Folk – ein wahrer Bastard aus allen Genres. Zusammen mit den Dust Brothers bastelte er ein Album zusammen, was an Dichte und Fülle abstrakter Samples und Songstrukturen höchstens noch mit Beastie Boys „Paul’s Boutique“ zu vergleichen ist. Kleiner „Zufall“ am Rande: auch diese Sampleorgie war von den Dust Brothers produziert worden.

Laut Beck warf das Album trotz enormen Erfolges kaum Geld ab. Das meiste wurde dafür verwendet, die Copyrights für die verwendeten Samples zu zahlen.

Kapitel 13

Primal Scream – XTRMNTR

Krieg zu dem man tanzen kann

Schon wieder Primal Scream? Ist dem Autor langweilig oder fällt ihm nichts mehr Neues ein? Die Antwort ist so einfach wie simpel: so wie Primal Scream mit „Screamadelica“ 1991 das Jahrzehnt eröffneten, so brannten sie zum Jahrtausendende einfach mal alles nieder. Als „XTRMNTR“ Anfang 2000 erschien, war er der größte Hirnfick und riss den Buckingham Palast fast bis auf die Grundmauern nieder.

Die Indieszene war zu einer Ansammlung kleiner pickeliger Buben geworden, die ja nichts falsch machen wollten – und vielleicht wegen der Plattenfirmen auch nicht durften. Schön in die Kameras lächeln, aalglatte Interviews ohne Skandale – die Zeiten, wo Iggy Pop und Lemmy noch Vorbilder waren, schienen vorbei.

Das wichtigste Indielabel, Creation Records (The Jesus and Mary Chain, Primal Scream, My Bloody Valentine, Ride, Oasis), befand sich in den letzten Atemzügen und sollte zum Jahrtausendende seine Pforten für immer schließen. Primal Screams Hölleninferno „XTRMNTR“ war die letzte Veröffentlichung von Creation und wurde ein letztes radikales Statement zur Lage der Nation.

Bobby Gillespie und seine treuen Mitstreiter pulverisierten jegliche musikalische Normen, rissen Genregrenzen ein und schrieben mit „Swastika Eyes“, „Kill All Hippies“ und dem Titeltrack „Exterminator“ Songs, die das Vereinigte Königreich erschüttern ließen. Bei „Accelerator“ bluten selbst 14 Jahre später immer noch die Ohren, die Gesichtszüge entgleisen immer wieder, während Bobby Gillespie proklamiert „Come On, Come On! Hit The Accelerator!“ Vollgas gegen die Wand.

Es ist das bisherige Meisterwerk von Primal Scream. Nicht nur von der Band allein, seit nun 14 Jahren wartet man vergeblich auf einen legitimen Nachfolger von „XTRMNTR“. Das einzige Album, was dem in Sachen Lautstärke gleichkommt, bei der die Gehörknöchelchen pulverisiert werden und die Synapsen durchknallen, war My Bloody Valentines grandioses Comeback „MBV“, welches 2013 erschien.

Welch Überraschung, so hat Mastermind Kevin Shields auf „XTRMNTR“ mitgewirkt und war anschließend mit der Band auf Tour, damit es auf dieser Welt noch ein paar mehr Tinnitusgeschädigte gibt!

Gestörte Genies unter sich.

http://www.youtube.com/watch?v=a8VZKTzoP_U